Was hat mich zum Erfolg gebracht? – Teil 14: Was ich von einer Prostituierten lernte

Wir waren zu dritt in dem Zimmer.

Der Polizeibeamte, ich als Dolmetscherin und sie als Beschuldigte. Als ich kam, war sie schon da. Blond, schlank, müde. Ihr Gesicht verriet kaum einen seelischen Zustand, sie war still, und man hatte das Gefühl, sie sei gedankenlos.

Lack und Leder

„Name?“, hörten wir auf einmal die Stimme des Mannes und zuckten beide zusammen. Ich übersetzte, sie schwieg. „Wie heißen Sie?“, rief der Polizist laut. Ich wiederholte auf Russisch, sie reagierte wieder nicht. Und dann passierte es. Der Kopf des Mannes wurde rot, die Stimme extrem laut und seine Augen groß. Er sprach lauter und lauter, unlogische Sätze, und sein Kopf wurde immer roter. Ich ging mit dem Stuhl nach hinten, sie verharrte unter einem Regen aus Spucke, den seine Lippen nicht aufhalten konnten. Ich fühlte mich arbeitslos, es gab jetzt eigentlich nichts zu dolmetschen. Dieses Schreien war nicht der Gegenstand meiner Aufgabe, aber mein Herz war trotzdem zusammenzogen, erschrocken und beschämt. Im nächsten Augenblick öffnete sich zum Glück die Tür und ein anderer Polizist betrat mit dem Pass der jungen Frau in einer Hand und einem großen blauen Sack in der anderen Hand den Raum. Als er den Zustand seines Kollegen erkannte, ließ er alles liegen und verschwand schnell.

Wir blieben erneut zu dritt.

Der Polizist belehrte die Beschuldigte nach wie vor lautstark und setzte sich hinter den Computer.

Auch ein „daily Business“ kann aus den Fugen geraten

Das alles, mit Ausnahme des cholerischen Anfalls dieses Polizeibeamten, war schon „my daily business“ geworden. Vernehmungen, Belehrungen, Fragen und Antworten, Dolmetschen und wieder Dolmetschen – davon habe ich gelebt. Ich kannte beinahe jeden einzelnen Schritt dieser Vernehmungen, dolmetschte präzise und mühelos und hatte dabei nie Langeweile. Aber diesmal war es dieser Choleriker, der meinen Job zum Horror-Job machte. Langsam wurde ich müde von den ständigen verbalen Angriffen und begann mich sogar über das Verhalten der jungen Frau zu ärgern. „Warum antwortet sie denn nicht?“, dachte ich und versuchte, ihr mit einem didaktischen Ton zu zeigen, dass sie ein Teil dieser Kommunikation werden musste.

Nach fast einer Stunde nahm sie mich endlich wahr, besser gesagt meine Verdolmetschung, und sie bat mich, den Vorwurf nochmals zu wiederholen. „Illegaler Aufenthalt“ – wiederholte ich ins Russische. Der Polizist fuhr fort: „Sie sind mit einem Visum aus Minsk eingereist, aber das ist ein Tourismus-Visum, das heißt Ihnen ist verboten, in Deutschland zu arbeiten. Sie haben aber gearbeitet! Als Prostituierte!“

In Weißrussland: Mathematiklehrerin. – In Deutschland: Prostituierte!

Lena war ihr Name, den er im Pass gelesen hatte. Und das Alter: 36 Jahre. „Beruf?“ – Lena öffnete den Mund und ich hörte ihre Stimme: „Lehrerin. Mathematiklehrerin.“ Während der Polizist die Antworten tippte, versetzte ich die schmale Figur der Mathelehrerin gedanklich in einen Klassenraum in Weißrussland. Eine Tafel, weiße Kreide und eine Menge Zahlen wuchsen aus Ihrer Hand und erschreckten die Kinder. „Vielleicht haben die Kinder die Lena nicht gemocht, deswegen kam sie nach Deutschland“, versuchte ich mich gedanklich aufzubauen. Ich konnte mir in dieser Zeit nicht vorstellen, dass daraus ein Gespräch, geschweige denn eine Vernehmung werden konnte. Es schien mir, der Polizist würde bei der Frage „Möchten Sie eine Aussage machen?“ sehr gern schnell das Kästchen „Nein“ ankreuzen, und danach würde er Lena in die Gefangenenzelle loswerden.

In den vergangenen Jahren hatte ich schon hunderte solcher Mädchen erlebt, die aus Angst weder gesprochen, noch etwas gewollt hatten. Die Informationen über die Hintermänner wollten sie nicht preisgeben oder sie konnten es nicht, da sie schon in den Händen verschiedener Verbrecher gewesen waren und Grund zur Angst hatten. Sie kannten in der Regel nur den Decknamen ihres „Beschützers“ und wussten kaum mehr über ihn. Nach der Vernehmung folgte in der Regel die Abschiebung und danach…? Keiner fragte mehr. Es kamen neue Mädchen, neue Abschiebungen, es ging immer weiter …

Diesmal war es anders. Lena war nicht 20 und nicht 30 Jahre alt. Sie war 36 und hatte in Weißrussland einen seriösen Beruf ausgeübt. Eine Mathematiklehrerin als Prostituierte in Deutschland – das hatte ich mir im Leben nie vorgestellt! Ich schaute ihr die ganze Zeit ins Gesicht.  Feine Gesichtszüge, unter anderen Umständen würde sie vielleicht als sehr hübsch wahrgenommen.  Schade, ich wollte so gerne, dass sie aus sich herauskommt und diesem verzweifelten Polizisten eine Tür zur Unterwelt von verdorbenen Zuhältern, Drogendealern und Erpressern öffnete.

Er war unangenehm und schwer zu ertragen, aber eigentlich ehrlich und bemüht. Nach einer Aussage und entsprechenden Beweismitteln hätte er die Chance, einen Teil seines cholerischen Charakters zu kompensieren und die Achtung von Kollegen und Vorgesetzten zurückzugewinnen. „Warum redet sie nicht?“, fragte ich mich von Minute zu Minute und wurde selbst nervös.

Ach so! Lena hatte offensichtlich ein Vertrauensproblem! Sie glaubte dem Choleriker nicht. Würde er richtig mit ihrer Aussage umgehen und weiter ermitteln? Würden die wertvollen Beobachtungen, die sie seit Monaten gemacht hatte, wirklich so eingesetzt, dass die Schicksale der ausgeraubten und weinenden Mädchen ans Licht kommen?

Auf einmal richtete sich Lena von ihrem Stuhl auf und sprach deutlich und entschlossen auf Russisch: „Sie möchten, dass ich Aussage? Das werde ich tun, wenn Sie meine Bedingungen akzeptieren.“ Der rote Kopf brüllte: „Sprich einfach!“ Diesmal richtete Lena ihren Blick auf mich und fragte ohne Worte, nur mit den Augen, nach meiner Meinung. Aus mir kam die Antwort auf Russisch: „Sprechen Sie bitte, alles wird dokumentiert.“

Ein blauer Sack voller Schuhe

Sie hörte diesen Satz und überlegte erneut. Ein einfacher Satz, der, übertragen in die Muttersprache der jungen Frau, zum Ausweg wurde. Nicht mehr, nicht weniger. Lena schaute den Polizisten an und begann zu sprechen. Zuerst zählte sie ihre Bedingungen auf: „Ich bekomme mein ganzes Geld zurück; das Ticket für den Bus kaufe ich mir selbst. Sie bringen mich zu diesem Bus. Ich nehme meinen blauen Sack mit.“  Doch was gibt es eigentlich darin? Der Polizist öffnete zuerst den blauen Sack und dann seinen Mund. „Schuhe?! So viele Schuhe?“ Ja, der blaue Müllsack war voller Schuhe. Hohe Absätze, flache Schuhe, Ballerinas, Winter- und Sommerschuhe…

Er setzte sich, war endlich still und schrieb am Computer. Die Aussage der Lena aus Minsk.

In den nächsten Stunden hörte man kein Geschrei mehr. Lena sprach leise und konzentriert. Der Polizist stellte keine Fragen mehr. Sie beschrieb alle Details aus den traurigen Geschichten vieler junger Mädchen. Von dem Angebot einer Beschäftigung als Kellnerin in Deutschland, über die Formen der modernen Sklaverei und die verschiedensten Aspekte der Erpressung. Einige Namen kannte sie vollständig, sogar die Geburtsorte einiger Täter konnte sie nennen. Niemand unterbrach sie, keiner fragte nach. Sie war einfach perfekt!

Abreise ohne Abschied

Am Ende unterschrieb sie die Rückübersetzung und sagte zu mir: „Als Mathematiklehrerin verdiente ich in Weißrussland monatlich nur so viel, wie ein paar Schuhe in Deutschland kostet. Das hier sind meine Gehälter für zwei Jahre“, zeigte sie auf den blauen Müllsack. Sie stand auf, öffnete ihn emotionslos und nahm die Reizwäsche raus. Der Polizist reichte ihr seinen Papierkorb, und sie warf sie hinein…

Polizeifahrzeug in Köln

Für die Organisation der Busreise brauchte mich die Polizei nicht, obwohl ich Lena gern bei der Abreise zugewinkt hätte. Sie hatte ihr sichergestelltes Geld zurückerhalten und die Rückreise selbst gezahlt. Schade, ich hätte so gerne erfahren, was sie mit den Schuhen vorhatte – habe ich aber nicht. Dafür habe ich gesehen, wie eine frühere Genossin, die wie ich ein Studium im Ostblock abgeschlossen hatte und im selben Alter war, das Geschäft ihres Lebens ausgehandelt hat. Pokergesicht, wertvolle Informationen, klare Anforderungen und eine Menge Empathie hat mir Lena in diesem Unterricht mitgegeben. Mit Geduld hatte sie die Anfälle des Polizisten ertragen und ihm ein Angebot gemacht, das er nicht ablehnen konnte.

Ich war in dieser Zeit ihre emotionale Stütze, ihre seelische Verbündete und diejenige, die ihre Lehre eins zu eins verstanden hat.

Verhandeln muss man können …