Was hat mich zum Erfolg gebracht? – Teil 42: die Kraft der Wurzel

Meine Heimatstadt heißt Pernik.

Dem höflichen Taxifahrer am Flughafen Sofia sagte ich genau das: nach Pernik. Er fragte zum Beginn der Fahrt, wie er fahren soll, und ich antwortete ganz selbstverständlich, er solle entscheiden. Dieses Verhalten zog eine dicke Rechnung nach sich, aber wer keine Ahnung hat, muss zahlen. Das war sein Prinzip, und der Taxifahrer war dem treu. Ich stieg also in Pernik aus, und schaute mich um.

Die Kindheit ist die Quelle einer außergewöhnlichen Kraft, die aus unseren Wurzeln kommt.

Das war meine erste Reise nach Bulgarien. Nach 18 Jahren.

Neugier und Freude sprangen aus meinem Herzen, und ich freute mich, meine Mutter wiederzusehen. Monate davor hat sie mich in Deutschland besucht, und heute war wieder die Zeit für ein Wiedersehen. Links und rechts von mir erhoben sich die berüchtigten Plattenbauten, aus welchen viele Lichter erstrahlten. Verwirrt von der Gleichheit dieser Aussicht in alle Richtungen verlor ich die Orientierung, aber ich entschied mich dennoch, die Adresse ohne anzurufen eigenständig zu finden. Schließlich stand ich vor einem niedrigen Gebäude, welches sich in eine der Hochhausschluchten duckte und versuchte in der Dämmerung das dort am Eingang angebrachte Schild zu entziffern in der Hoffnung, die Straße und die Hausnummer zu erkennen. „Detska gradina“ stand darauf, also „Kindergarten“. Das Schild war alt und verblasst, das Gebäude sah leer und verwüstet aus.

Kindergarten?

Vor meinen Augen erschienen die Montage an denen ich hier abgegeben worden war. Mir schien sogar, ich spüre den Schmerz beim Abschied von meiner Mutter. Sie übergab mir die Wäschetüte und meine Herzmedikamente, die ich jeden Abend einzunehmen hatte. Auf einmal öffnete sich das Gebäude, so dass ich mein kleines Bett, auf dem ich immer bis zum Samstag geschlafen hatte, sehen konnte. Die Kinder, die Spiele im Hof, die Feiern und die Lesungen der Lehrerinnen … alles kam zurück. Besonders stark erschien die Erinnerung an den Tag an dem meine Oma starb. Niemand hatte mich von diesem Kindergarten abgeholt, und ich war von den Lehrerinnen alleine nach Hause geschickt worden. Zuhause hatte ich meine Familie voller Trauer getroffen.

Eine ältere Frau riss mich schließlich aus diesen Erinnerungen. Sie sprach mich an und konnte meine Frage nach der Adresse, die ich suchte, beantworten. So verließ ich die alten Emotionen und hastete zur Wohnung meiner Mutter, die mich schon sehnsüchtig erwartete. Die Geschichte mit dem Kindergarten habe ich ihr nicht erzählt und in stillen Stunden versucht, meine Erinnerungen selbst zu vervollständigen. Die Frage, die ich mir stellte war, ob mir diese frühere, erzwungene Selbständigkeit aus heutiger Sicht gutgetan hat. War es mir letztlich hilfreich gewesen, als Kind in den Kindergarten gesteckt, und nur zum Wochenende nachhause geholt zu werden? Die Antwort fand ich bei dieser Rekonstruktion der Vergangenheit.

Pernik war eine Bergbau-Stadt.

Meine Eltern arbeiteten Schichtweise inklusive Nachtschicht, mein Vater unter Tage. Meine Oma war krank, und folglich war ich im Kindergarten untergebracht worden. Eine Alternative hatte es nicht gegen, dafür eine gute Betreuung und elterliche Liebe am Wochenende. Sogar eine Menge Liebe und Lob zu meinem Umgang mit den Herzmedikamenten. Doch wenn ich besonders sehnsüchtig meine Eltern sehen wollte, hatte ich eine Methode. Ich klagte über Halsschmerzen und wurde abgeholt. Mein Vater brachte mich zum Arzt, und das war schön. So viel Aufmerksamkeit, Lutschtabletten und Fibermessen. Auf dem Weg nach Hause ging es mir immer wieder gut, und bald wurden meine Symptome erkannt. Macht nichts, der Kindergarten war irgendwann mal vorbei, und dann kam die Schule …

Nach 18 Jahren in Deutschland, in denen mich meine Eltern besucht hatten, kam ich nun zurück.

Es war eine besondere Begegnung mit meiner Kindheit,

die mir große mentale Kraft gegeben hat. Früh hatte ich gelernt, fern vom Elternhaus zu bestehen und Fantasie und Durchsetzungskraft zu entwickeln, um meine Sehnsüchte zu realisieren.

Im Endeffekt war das Verhalten meiner Eltern ganz typisch für die damalige Zeit. Jung, arm und überfordert mit der Situation war ihnen natürlich nicht bewusst, dass ich eines Tages vor dem alten Kindergarten stehen, gedanklich durch dessen Zimmer gehen und letztlich ein Urteil fällen würde. Aber ich spüre heute auch ein Vertrauen, das in mich gesetzt wurde, und ich sehe die Verantwortung mir gegenüber, die ich zu tragen habe.

Die Menschen haben verschiedene Kindheiten. Meine hat ernsthaft begonnen, und das gab mir ein festes Fundament für alles, was ich später gemacht habe. Auch heute, wenn ich in Bulgarien bin, spüre ich die Quelle einer außergewöhnlichen Kraft, die aus meinen Wurzeln kommt.